Erscheinungsdatum: 3. April 2017

"Ein ewiger Thomas-Kreislauf?
Wie deutsche Börsenunternehmen ihre Vorstände rekrutieren"

Hier kann der ganze Bericht heruntergeladen werden.

Die deutschen Vorstände der an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen sind extrem homogen und durch und durch von „Thomas“ geprägt: Im März 2017 bestehen die Vorstände zu 93 Prozent aus Männern, die sich in Alter, Herkunft und Ausbildung stark gleichen. Der deutsche CEO umgibt sich am liebsten mit Spiegelbildern seiner selbst; 5 Prozent der CEOs heißen Thomas, und es gibt mehr Vorstandsmitglieder, die Thomas oder Michael heißen (49), als es insgesamt Frauen gibt (46).

Der Bericht dokumentiert, nach welcher engen Schablone die Unternehmen Mitglieder ihre Vorstandsmitglieder rekrutieren. Dabei fallen nicht nur Frauen durchs Raster, sondern auch beispielsweise alle, die in Ostdeutschland ausgebildet sind: sie machen weniger als 1 Prozent der Vorstandsmitglieder aus. 93 Prozent sind Männer, 76 Prozent Deutsche, 71 Prozent Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieure. So reproduzieren sich seit Jahrzehnten immer gleiche Führungsmannschaften, denen viel innovatives, aber auch selbstkorrigierendes Potential entgeht.

Überraschendes dokumentiert der Bericht in Bezug auf die Rolle des Frauenanteils im Aufsichtsrat sowie auf der Führungsebene unterhalb des Vorstands (die Frauen-„Pipeline“) für die Besetzung der Vorstände mit Männern und Frauen: sie haben so gut wie keinen Einfluss auf die Rekrutierung von Frauen in den Vorstand. Die beiden einzigen Unternehmen mit 40 Prozent Frauen im Vorstand (Aareal Bank und Telefónica Deutschland) haben aber eine weibliche Aufsichtsratsvorsitzende.

Und: Mehr als 10 Prozent der Mitglieder der Börsenvorstände werden im Laufe eines Jahres ausgetauscht, es gibt also viel Bewegung. Würde man nur 6 Jahre lang Männer und Frauen im Verhältnis 50:50 rekrutieren, wäre ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis mit 40 Prozent Frauen erreicht.

„Die Unternehmen rekrutieren, als sei nur ein männlicher 53-jähriger westdeutscher Betriebswirt in der Lage, im Vorstand eines Unternehmens mitzuwirken. Das ist natürlich Unsinn“, kommentieren die Geschäftsführer der AllBright Stiftung, Wiebke Ankersen und Christian Berg die Ergebnisse. „Ein gutes Team ist möglichst vielfältig aufgestellt, um Selbstkritik, Innovationsfähigkeit und Profitabilität zu gewährleisten. Aareal Bank, Allianz, Daimler, Deutsche Bank, Siemens und Munich Re sind bislang die einzigen Börsenunternehmen, die beweglich genug waren, mehrere Frauen für den Vorstand zu rekrutieren. Sie signalisieren damit auch nachwachsenden weiblichen Talenten hier seid ihr willkommen, hier könnt ihr bis in die oberste Führungsebene mitgestalten': Das ist wirklich gelungenes Employer Branding.“

Erste Medienberichte:
Spiegel online: Frauen gelangen in Deutschland schwer in Führung
Der Spiegel: Vorstände: Das Thomas-Phänomen
DRadioWissen: Thomasse und Michaels unter sich
Zeit online: Vorstände von börsennotierten Firmen bleiben Männerdomäne
Handelsblatt: Worte des Tages
Wirtschaftswoche: Vorstände von börsennotierten Firmen bleiben Männerdomäne
Berliner Zeitung: In Chefetagen ziehen fast nur Männer ein
Süddeutsche Zeitung: Wenn der Chef immer Thomas heißt
Berliner Morgenpost: In den Chefetagen bleiben Frauen die Ausnahme
Westdeutsche Allgemeine: Frauen sind in Vorständen börsennotierter Firmen weiter rar

 


 

"Zielgröße: Null Frauen. Die verschenkte Chance deutscher Unternehmen"

Anlässlich des ersten Jahrestages der Zielgrößen-Pflicht für die Unternehmen zur Erhöhung des Frauenanteils in den obersten Führungsebenen am 30. September 2016 erscheint der erste deutsche AllBright Bericht:

Anders als schwedische Firmen setzen die in den deutschen Indizes DAX30, MDAX, SDAX und TecDAX notierten Unternehmen noch nicht auf die unternehmerischen Vorteile von mehr Frauen in ihren Führungsgremien. Die von ihnen veröffentlichten Zielgrößen für die Erhöhung des Frauenanteils in den Vorständen bis zum 30.06.2017 sind überraschend niedrig: nur 16 Firmen planen überhaupt eine Erhöhung des Frauenanteils, fünf von ihnen haben bislang eine Frau für den Vorstand rekrutiert. 110 Firmen von 160 haben derzeit gar keine Frau im Vorstand und planen laut Geschäftsbericht auch nicht, etwas daran zu ändern.

"Die Ausflüchte der Unternehmen variieren kaum, und wenn 110 von 160 Firmen erklären, warum gerade sie leider den Frauentanteil im Vorstand nicht erhöhen können, dann sind das keine individuellen Gründe mehr, dann zeigt sich da ein strukturelles Problem.  Es ist erstaunlich, dass bisher nur wenige deutsche Börsenunternehmen wie die Aareal Bank (einziges Unternehmen mit 40 Prozent Frauen im Vorstand) oder die Allianz, die Deutsche Bank, Munich Re und Siemens (je 2 Frauen im Vorstand) darauf bauen, dass ein modernes, inklusives Management und vielfältiger zusammengesetzte Führungsmannschaften ein klarer Wettbewerbsvorteil sind und die besten Talente anziehen, männliche wie weibliche", kommentieren die Geschäftsführer der AllBright Stiftung, Wiebke Ankersen und Christian Berg.

Einige Medienreaktionen auf den Bericht:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung  "Wiesbaden, das Paradies für Bankerinnen"
Berliner Zeitung  "Chefposten - Bei Fielmann, Eon und Adidas sucht man vergeblich Frauen im Vorstand" 
Der Tagesspiegel  "Viele Börsenunternehmen planen nicht mit Frauen im Vorstand"
Die Zeit "Ganz oben ist die Luft dünn - für Frauen"
Handelsblatt "Wir haben diese erschreckend niedrigen Zielgrößen nicht erwartet"
Deutschlandfunk "631 Männer und 44 Frauen in deutschen Vorständen"
Wirtschaftswoche "Unternehmen planen ohne Frauen im Vorstand"
Aachener Zeitung  "40 Prozent Frauen im Vorstand? In dem Tempo erst 2050"
Bücherfrauen-Blog  "Mit Null zum Erfolg? Die deutsche Wirtschaft auf dem Genderprüfstand"